Was für eine Zeit
Eine Betrachtung von Hans Jacobshagen, Co-Autor von "Swinging Sixties Singing Deutsch" und Zeitzeuge
Was das Radio bot
Im Radio gab es noch keine Popmusik - und wenn, dann in einer Nischensendung am
späten Abend. Wer Glück hatte, empfing irgendwo Radio Luxemburg und seine vier
fröhlichen Wellen. Aus heutiger Sicht waren das betuliche Schlagerprogramme,
aber immerhin gab es den ganzen Tag Musik, und manchmal auch einen Titel von
Elvis Presley, den Stones oder den Beatles dazwischen. Die Moderatoren sagten
nicht irgend etwas an, sondern plauderten zur Musik, sie waren Discjockeys.
Im öffentlich-rechtlichen Radio gab es Ansager. Ich erinnere mich an den
"Aktuellen Plattenteller" im Deutschlandfunk, der jeden Abend
um 18.15 Uhr über Mittelwelle und Langwelle zu hören war: "Sie hören jetzt
den aktuellen Plattenteller" und dann wurden in der Manier eines
Klassikkonzertes drei bis vier Titel angesagt - alle deutschsprachig und
natürlich bis zum Schluss ausgespielt mit langer Blende am Ende. Und dann:
"Das war der aktuelle Plattenteller. Sie hörten..." Bisschen frischer
waren ein paar wenige Jugendsendungen, allen voran Manfred Sexauers
"Hallo Twen" auf der Europawelle Saar, quasi ein Pflicht-Einschaltprogramm
vor dem Abendessen, der Süddeutsche Rundfunk sendete in seinem zweiten
Programm eine halbe Stunde lang "Club 19" und montags gab’s im
ersten die Hitparade mit Günther Freund.
Der große Plattenplauderer des Hessischen Rundfunks hieß Hanns Verres.
Der zerbrach schon mal eine Scheibe, die ihm nicht gefiel, vor laufendem Mikrofon,
nachdem er sich genüsslich über den Schwachsinn ausgelassen hatte.
Damit handelte er sich sogar einen Prozess der erbosten Plattenindustrie ein.
Auf den Schulhöfen wurden Unterschriftslisten gesammelt: "Unterschreibst du
für die Stones oder für die Beatles?" Und Hanns Verres stellte die Hitparade
aus mehr als 50.000 Einsendungen zusammen. Und wenn sich irgendeiner –
Industrie oder Hörer – mal wieder über eine seiner Unverschämtheiten
aufregte, pflegte er zu sagen: "Geht’s nicht ne Nummer kleiner.
Es geht doch nur um ein paar ganz unbedeutende Schlagerliedchen."
Im WDR legte Mel Sandock auf. Und damals war die Einschaltquote für die
Programm-Oberen kein Thema: Sie schufen die Sendung ab, weil sie dem
Bildungsauftrag des öffentlich rechtlichen Radios nicht genügte. Wer im Urlaub
nach Österreich fuhr, erfreute sich an Ö 3. Und dann gab es für alle
Weltempfängerbesitzer die Möglichkeit Piratenradios zu hören. Die sendeten von
Schiffen in der Nord- und Ostsee die aktuellen Hits. Holländische, englische
und manchmal auch deutsche DJs waren dabei, und mit den Schiffen segelte das
Gefühl von Freiheit und Abenteuer, auch wenn die Empfangsqualität oft lausig war.
